Arzt für Neurologie, für Psychiatrie + Psychotherapie; MPH
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UNBEDINGT LESEN: "Das Ende der Schweigepflicht - der Alltag an deutschen Kliniken" - 6-seitiger Artikel in: Zeit-online)

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Quelle: Von Dr. Joerg Schelling, München,  Mitteilung

Eine fantastische Geschichte

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Lieber Leser, in dieser Geschichte wird es um eine Bäckerei gehen. Das ist nicht böse gemeint und alle Bäcker der Republik mögen mir deshalb nicht böse sein. Der Handlungsort ist nur gewählt, um die Geschichte möglichst für alle verständlich und eindrücklich zu gestalten, weil eine Bäckerei von den Bürgern häufiger aufgesucht wird, ein altes Gewerbe ist und uns mit grundsätzlichen Gütern versorgt.

Es war einmal eine kleine Bäckerei. Der Bäcker war ein normaler Bäckermeister, der seine Arbeit solide ausführte und einige Jahre Ausbildung hinter sich hatte. Während seiner Lehrzeit hatte er auch längere Zeit ohne Bezahlung gearbeitet, was für seinen Berufsstand ja selbstverständlich war. Als er dann die Bäckerei eröffnete musste er deshalb einige Kredite aufnehmen, um die Einrichtung und die Öfen zu kaufen oder abzubezahlen.
Er hatte nicht nur die „normalen“ Backwaren erlernt, sondern sich, teilweise in seiner Freizeit und auf eigene Kosten, noch andere Backtechniken und Wissen über weitere Backwaren angeeignet und freute sich darüber, dies auch anzubieten. Auch eine gute Ernährung der Bevölkerung, lag ihm von Anfang an am Herzen und so wollte er auch gesundheitsfördernde Backwaren anbieten.

Gesagt, getan. Er eröffnete seine Bäckerei. Da er viel arbeitete, und oft bis in die Abend- und Nachtstunden, sprach es sich bald herum, dass er ein guter Bäcker war und seine Waren den Leuten zusagten. Besonders schön war es, dass er sich beim Backen auch oft Zeit ließ und manche Backprodukte sehr sorgfältig zubereitete oder mit den Kunden lange darüber sprach und ihnen genau erläuterte, wie diese schmeckten.

Durch die Bäckereiinnung war er verpflichtet auch teilweise am Wochenende oder nachts zu backen, wenn die Kunden das anforderten. Zudem brachte er Backwaren auch nach Hause, wenn die Kunden nicht gut zu Fuß waren oder eine ganz besondere Form der Ernährung benötigten.
Er musste übrigens Mitglied in der Innung sein, wenn er Semmeln und Brezeln verkaufen wollte. Manche Bäcker, die nicht in der Innung waren, verkauften nur Croissants aber davon konnte man ja nicht die Bevölkerung ernähren. Unser Bäcker wollte aber gerne allen Kunden auch Semmeln und Brezeln anbieten.

Am Ende des Tages konnte er von den verkauften Backwaren seine Mitarbeiter, seine Miete und die Zinsen für die Schulden bezahlen und deshalb machte ihm seine Arbeit Spaß. Wenn er eine Semmel verkaufte, musste er diese nur über die Theke reichen und der Kunde konnte sie sich schmecken lassen.

Dann aber begannen sich die Dinge zu ändern, denn unsere Geschichte ist doch viel zu schön, um glaubhaft zu sein, oder?
Zuerst wurde eine Regelung eingeführt, dass der Bäcker ab jetzt beim Verkaufen einer Semmel ein bestimmtes Formular ausfüllen musste. Bald wurde ein solches auch für den Verkauf einer Brezel notwendig. Allerdings waren es verschiedene Formulare und mit der Zeit wurden es immer mehr, so dass der Bäcker fast immer seine Tätigkeit genau aufschreiben musste.

Als er sich daran gewöhnt hatte kam eine einschneidende Veränderung: Die Regierung und die Bäckereiinnung hatten eine neue Idee: Da die Leute immer mehr Semmeln und Brezeln zu sich nahmen reichte das Mehl nicht mehr, das im Lande verfügbar war. Deshalb wurde eine wahnwitzige Sache beschlossen: Jeder Bürger hatte nur noch den Anspruch auf zwei Semmeln und eine Brezel pro Tag. Das musste reichen. Der Bäcker zuckte ratlos die Achseln und versuchte das seinen Kunden nahe zu bringen, da er sich dies ja nicht ausgedacht hatte: „Dann kommen wir mit dem Mehl aus. Ich muss das machen!“ sagte er und die Kunden begannen sich daran zu gewöhnen. Nicht zuletzt deshalb, weil der Bäcker den Meisten unter der Theke heimlich noch eine dritte Semmel oder irgendein anderes Backstück zuschob.
Noch konnte er seine Backwaren bezahlen und blickte verständnislos auf die Kollegen, die nur Croissants herstellten. Allerdings versuchte er die Verluste an Mehl durch eine größere Anzahl an Croissants, die nicht reglementiert waren, aufzufangen, was ihm auch ganz gut gelang.

Bis zu jenen Tag, an dem die Regierung und die Innung erneut eine Idee hatten: Die Brezeln sollte aber jetzt in den zwei Semmeln enthalten sein! Wie sollte das gehen, fragte sich der Bäcker, und auch die Kunden wunderten sich, wo ihre Brezeln geblieben war. „Die ist in den Semmeln drin!“ sagte unser Bäcker und schob weiterhin (aber immer seltener, da das Mehl nicht mehr wurde) noch eine echte Brezeln unter der Theke durch.

Es sollte aber noch weiter gehen: Bislang hatte der Bäcker jeweils verschiedene Arten von Semmeln anbieten können. Da gab es welche mit Körnern und ohne, dunklere und helle, knackigere und weiche. Jeder Kunde bekam „seine“ Semmel und war auch daran gewöhnt. Jetzt änderte sich auch hier etwas: Es wurden seltsame „Rabattverträge“ abgeschlossen, von denen der Bäcker nie etwas erfahren hatte und plötzlich, auch wenn er für einen alten, gebrechlichen Kunden eine Körnersemmel hervorholte, verwandelte diese sich per Vertrag in eine weiße Kaisersemmel. Der Kunde beschwerte sich darüber aber unser Bäcker musste (obwohl er nichts davon verschuldet hatte) sagen: „Diese Semmel braucht weniger Mehl und ist aber genauso gut!“ Das schmerzte ihn, denn er wusste, dass die Semmel zwar ähnlich schmeckte aber doch nicht genau gleich.

Langsam begann er sich nicht mehr so gut zu erholen, die Arbeit machte weniger Spaß aber er schätzte seine Kunden sehr, die er teilweise seit Jahren kannte und so öffnete er weiterhin die Türen. Die Croissants wurden noch ein bisschen mehr gebacken, aber der Ofen dafür war bald bis an die Obergrenze ausgelastet. Es wurde eng.

Dann kam eine neue Idee der Innung: Die beiden Semmeln (inklusive der ja unsichtbar enthaltenen Brezeln) wurden bislang mit 50 Cent bezahlt. Bei tausend Kunden konnte er seine Unkosten fast decken. Jetzt aber wurde per geheimnisvoller Berechnung festgelegt: Zwei Semmeln sind nur noch 30 Cent wert. Unser Bäcker musste das akzeptieren ob er wollte oder nicht und damit war die Bäckerei nicht mehr zu finanzieren.

Er blickte sich in der Nachbarschaft um: Ein alter Bäcker in der Nähe zuckte mit den Schultern und meinte: „Ich höre bald auf zu backen. Die paar Jahre halte ich noch durch. Meine Kunden werden dann vielleicht gar keinen Bäcker mehr haben.“ Ein jüngerer Bäcker sagte: „Ich verkaufe ausschließlich Croissants und jetzt auch Baguettes. Das schmeckt den Leuten. Ich schere mich nicht um Semmeln und Brezeln.“ Ein Mann, der das hörte, ergänzte: „Und ich bin gar kein Bäcker und habe auch nicht die Meisterschule besucht. Ich bin Backberater und backe Semmeln mit Kräutern und Zauberkräften, die von der Innung nicht überwacht werden.“
Ein letzter Bäcker wandte ein: „Ich werde meine Backlizenz zurückgeben. Dann werden wir mal sehen, was passiert. Allerdings haben mir die Innung, die Regierung und andere Verbände, die gar nichts vom Backen verstehen, mitgeteilt, dass ich dann ein Verräter an meinen Kunden, ein schlechter Bäcker und Mensch sei. Zudem würde man mich mit allen Mitteln des Gesetzes zwingen weiterhin Semmeln zu backen, die Brezel kostenlos dazuzugeben und mir 30 Cent dafür zu geben.“

Es gab noch viele andere Veränderungen im Leben des Bäckers: Zum Beispiel die Einführung von speziellen Backwarenverteilungen viertel- oder halbjährlich an Kunden die eine bestimmte Ernährung benötigten. Diese Verteilung musste er auch dokumentieren. Das Geld dafür hatte man ihm vorher weggenommen, mit dem Hinweis er könne es sich über die Dokumentation ja wieder holen.

Unser Bäcker war ratlos. In den Nachrichten hatte man berichtet, dass Bäcker weiterhin alle Produkte anbieten durften und dass jeder Kunde Anspruch auf alle notwendigen Backwaren habe. Zudem würden die Semmelpreise um 20-25% erhöht werden. Oft fragten ihn die Kunden deshalb auch und waren sogar böse, wenn er nicht unbedingt notwendige Backwaren in Rechnung stellte. Er informierte seine Kunden dann und sprach mit ihnen (weiterhin viel zu lange, denn er hatte auch eine Vorgabe, wie lange er höchstens in der Bäckerei stehen durfte). Immer mehr starrte er in seinen Computer (den er sich kaufen musste laut Innung) und zählte Stunden, Semmeln und Croissants.


So, hier wollen wir die Geschichte verlassen, denn sie ist zu traurig und auch zu unrealistisch oder? Kein Bäcker würde sich das gefallen lassen, warum denn auch? Welche Regierung würde die Bäcker so schikanieren? Dann wäre die Bevölkerung den Politikern vollkommen egal. Welche Innung würde ihre eigenen Mitglieder so veralbern? Nein, so etwas gibt es nicht. Nicht bei den Bäckern. Und wenn es so etwas geben würde, dann würden alle Bäcker das Recht haben sich lautstark zu wehren oder ihre Bäckerei wirklich zu schließen!

Wir alle kennen die Moral der Geschichte. Es gibt einen Beruf, der für die Menschen grundsätzliche Hilfe und Arbeit leistet und der gegängelt und schikaniert wird, dass es nicht mehr so weitergehen kann und nicht mehr so weitergehen wird.

Vielleicht hast Du, lieber Leser, jetzt ein bisschen besser verstanden, wie es in den „Bäckereien“ in diesem Land zugeht und wenn Du die Qualität der „Semmeln und Brezeln“ erhalten willst und möchtest, dass auch ab und zu ein „Croissant“ für JEDEN drin ist. Dann WEHRE Dich. Schreibe an die Regierung, schreibe an die Innung, sehe nicht schweigend zu, wie die Bäckereien zu machen. Es geht nicht ohne!

 

Quelle: Von Dr. Joerg Schelling, München, persönl. Mitteilung